Teil 1: Die Neurochemie der Bewegung
Um zu verstehen, warum Bewegung so wichtig ist, müssen wir uns den „Dünger“ des Gehirns ansehen: BDNF (Brain-Derived Neurotrophic Factor).
1. Der BDNF-Faktor
Man kann sich BDNF wie Hochleistungskraftstoff für Nervenzellen vorstellen. Wenn ein Kind sich intensiv körperlich bewegt, fährt das Gehirn die Produktion dieses Proteins hoch. BDNF fördert das Wachstum neuer Neuronen und stärkt die Synapsen – also die Verbindungen – zwischen ihnen. Kurz gesagt: Bewegung macht das Gehirn „plastischer“, also lernfähiger und anpassungsfähiger.
2. Die Verbindung zum präfrontalen Cortex
Der präfrontale Cortex (PFC) ist der Sitz unserer „Exekutivfunktionen“. Hier entstehen die Fähigkeiten, zu planen, sich zu konzentrieren und Impulse zu kontrollieren. Studien zeigen, dass körperliche Aktivität die Durchblutung und Sauerstoffversorgung im PFC erhöht. Ein Kind, das gerade 15 Minuten lang geklettert oder gerannt ist, hat einen „aktivierten“ PFC. Es ist bereit für kognitive Aufgaben, die nur Augenblicke zuvor noch unmöglich erschienen.
Teil 2: Bewegung als emotionale Selbstregulation
Ein besonders kraftvoller Aspekt von „The Brain on the Move“ ist die Rolle für die psychische Widerstandskraft, die sogenannte Resilienz.
1. Stresshormone abbauen
Stress ist eine körperliche Erfahrung. Wenn ein Kind frustriert ist – sei es durch eine schwierige Matheaufgabe oder einen Streit mit Freunden –, produziert der Körper Cortisol. Wenn dieses Cortisol nicht durch Bewegung „verbrannt“ wird, bleibt es im System und führt zur typischen „Kampf-oder-Flucht“-Reaktion: dem gefürchteten Meltdown. Bewegung ist der biologische Mechanismus, der Stresshormone metabolisiert und das Kind zurück in einen Zustand der Ruhe führt.
2. „Heavy Work“ – Schwere Arbeit für die Sinne
Die Propriozeption ist unser Sinn für die Eigenwahrnehmung des Körpers im Raum. Aktivitäten, die wir als „Heavy Work“ bezeichnen – also schwere Dinge schieben, auf einen Baum klettern oder sogar eine feste Umarmung – geben dem Gehirn einen intensiven propriozeptiven Input. Dieser Input wirkt wie ein Anker auf das Nervensystem. Er hilft Kindern, sich in ihrem eigenen Körper „sortiert“ und sicher zu fühlen, besonders wenn sie unter Angstzuständen oder Reizüberflutung leiden.

Teil 3: Das kritische Zeitfenster (3 bis 9 Jahre)
In diesen Jahren durchläuft das Gehirn einen massiven Umbauprozess.
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Integration der Systeme: In diesem Alter verknüpfen sich sensomotorische Erfahrungen mit höheren kognitiven Ebenen. Wenn sich ein Kind in diesem Fenster zu wenig bewegt, bleibt die „Brücke“ zwischen Körper und Geist schwach.
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Das Fundament legen: Die körperliche Meisterschaft, die ein Kind bis zum 9. Lebensjahr erlangt – das Gleichgewicht zu halten, zu springen und komplexe Bewegungsabläufe zu koordinieren – ist das buchstäbliche Fundament für die abstrakte Meisterschaft, die es später für Algebra, Logik und soziale Zwischentöne braucht.
Teil 4: Wie Sie „Brain on the Move“ zu Hause umsetzen
Sie brauchen kein Fitnessstudio oder einen Sportverein, um einen neurologischen Reset auszulösen. Es geht darum, dem Kind im Alltag wieder körperliche Selbstwirksamkeit zu ermöglichen.
1. Das „10-Minuten-Priming“
Bevor eine Aufgabe ansteht, die hohe Konzentration erfordert (Hausaufgaben, Musikübung oder eine lange Autofahrt), schieben Sie ein 10-minütiges „Priming“ ein.
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Das Protokoll: Intensive Bewegung – Hampelmänner, ein kurzes Wettrennen oder ein Spiel wie „Der Boden ist Lava“. Das flutet das Gehirn mit BDNF und Sauerstoff und bereitet die Bühne für kognitiven Erfolg.
2. Sensorische Pausen statt passive Pausen
Pause ist nicht gleich Pause. Ein Kind 10 Minuten vor ein YouTube-Video zu setzen, um sich zu „erholen“, entzieht dem Gehirn oft noch mehr Energie.
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Die Alternative: Eine echte „Brain on the Move“-Pause beinhaltet Bewegung. Nutzen Sie zum Beispiel „Tiergänge“ (wie ein Krebs gehen, wie ein Bär krabbeln), um von einem Zimmer ins andere zu gelangen.
3. Integriertes Lernen
Hören wir auf, „Lernzeit“ strikt von „Spielzeit“ zu trennen.
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Die Strategie: Üben Sie Vokabeln oder das Einmaleins, während das Kind auf dem Trampolin springt. Werfen Sie sich beim Rechnen einen Ball zu. Wenn eine körperliche Bewegung mit einer Information verknüpft wird, erstellt das Gehirn eine „multisensorische Landkarte“. Die Erinnerung wird dadurch viel dauerhafter gespeichert.
Fazit: Wir ziehen Menschen auf, keine Statuen
Unsere Welt wird immer bewegungsärmer, und unsere Kinder zahlen den Preis in Form von steigender Nervosität, Konzentrationsproblemen und früher Erschöpfung. The Brain on the Move ist ein Aufruf, uns auf unsere biologischen Wurzeln zu besinnen.
Unsere Kinder wurden nicht dazu geschaffen, Statuen zu sein. Sie sind Entdecker, Kletterer und Beweger. Wenn wir ihnen die Bewegung zurückgeben, geben wir ihnen auch die Freiheit im Kopf zurück. Verlangen Sie diese Woche nicht von Ihrem Kind, dass es still sitzt. Ermuntern Sie es, sich zu bewegen, und beobachten Sie, wie sein Fokus und seine Resilienz aufblühen.
Checkliste: Brain on the Move im Alltag
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Das Gehirn „primen“: 10 Minuten ordentlich auspowern vor den Hausaufgaben.
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„Heavy Work“ einbauen: Nutzen Sie Schiebe- und Ziehaufgaben im Haushalt (den Wäschekorb tragen, den Staubsauger schieben).
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Aktiver Weg: Wann immer möglich, zu Fuß gehen oder das Rad nehmen. Die Bewegung „weckt“ das Gehirn für den kommenden Tag auf.