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Das Emotions-Lexikon: Warum es alles verändert, wenn dein Kind lernt, Gefühle zu benennen

Wie ein „Wortschatz der Gefühle“ hilft, Wutanfälle zu reduzieren, die Resilienz zu stärken und eine lebenslange Bindung zu deinem Kind aufzubauen.

Veröffentlicht am 27. Jan. 2026
Das Emotions-Lexikon: Warum es alles verändert, wenn dein Kind lernt, Gefühle zu benennen

Wir Eltern verbringen Jahre damit, als „Chef-Dolmetscher“ zu fungieren. Wir übersetzen das Gebrabbel unserer Kleinkinder in „Ich möchte Apfelsaft“ und das Schulterzucken unserer Grundschüler in „Ich hatte einen blöden Tag in der Schule“. Aber es gibt eine tiefere Ebene der Übersetzung, die wir oft übersehen – eine, die das Herzstück der Entwicklung unserer Kinder bildet: Die Übersetzung von Emotionen.

Zwischen 0 und 9 Jahren ist das Gehirn eines Kindes eine riesige Baustelle. Die emotionalen Zentren sind oft schon zu 100 % „online“ und feuern aus allen Rohren, aber die sprachlichen und logischen Zentren sind noch in der Phase der Verkabelung. Dadurch entsteht eine „Sprachlücke“. Wenn ein Kind etwas Gewaltiges fühlt – wie Scham, Überforderung oder Ohnmacht –, aber kein Wort dafür hat, nutzt es die einzige Sprache, die ihm bleibt: Verhalten. Hier kommt das Emotions-Lexikon ins Spiel. Indem wir unseren Kindern ein Vokabular für ihre Gefühle geben, bringen wir ihnen nicht nur neue Wörter bei; wir geben ihnen die Fernbedienung für ihr eigenes Nervensystem in die Hand.

Teil 1: „Nenne es, um es zu bändigen“ – Die Wissenschaft hinter EQ

Vielleicht hast du in Ratgebern schon mal den Satz „Name it to tame it“ (Benenne es, um es zu bändigen) gehört. Geprägt vom Psychiater Dr. Dan Siegel, ist dies kein bloßes „Wohlfühl-Mantra“, sondern eine biologische Notwendigkeit.

Im Gehirn deines Kindes sitzt die Amygdala, eine winzige, mandelförmige Struktur. Sie ist das „Alarmsystem“. Wenn dein Kind mitten in einem Wutanfall steckt, schreit die Amygdala. Sie befindet sich im Modus „Kampf, Flucht oder Erstarrung“. In diesem Moment ist die Amygdala nonverbal; man kann nicht mit ihr logisch diskutieren.

Sobald du dich jedoch hinkniest und deinem Kind hilfst, dem Gefühl einen Namen zu geben – „Du bist gerade richtig frustriert, weil der Turm eingestürzt ist“ – passiert etwas Wundersames. Der präfrontale Cortex (der logische, denkende Teil des Gehirns) schaltet sich ein. Durch das Benennen sendet das Gehirn Signale, die den Alarm beruhigen.

Ohne das Wort IST das Kind die Emotion. Mit dem Wort BEOBACHTET das Kind die Emotion. Dieser Wechsel ist das Fundament der emotionalen Intelligenz (EQ).


Teil 2: Die „Großen Drei“ Verhaltensweisen übersetzen

Vieles, was wir als „Trotz“ oder „Fehlverhalten“ bei Kindern unter 9 Jahren wahrnehmen, ist kein Disziplinproblem, sondern ein Mangel an Worten. Schauen wir uns an, wie das Emotions-Lexikon typische Alltagssituationen übersetzt.

1. Die „Mir ist langweilig“-Falle

Das Szenario: Ihr hattet ein tolles Wochenende, und kaum seid ihr zehn Minuten zu Hause, jammert dein Kind: „Mir ist langweilig!“ Der Lexikoneintrag: Bindungswunsch (nicht verbunden). Die Übersetzung: In unserer reizüberfluteten Welt ist „Langeweile“ oft eine Maske für das Gefühl, gerade nicht mit der Bezugsperson „verknüpft“ zu sein. Das Kind sucht kein neues Spielzeug, es sucht DICH. Die Reaktion: „Es klingt so, als fühlst du dich gerade ein bisschen alleine gelassen/nicht verbunden. Komm, wir kuscheln erst mal fünf Minuten und tanken deinen Akku auf.“

2. Der „Das ist unfair!“-Protest

Das Szenario: Dein Kind schreit, dass es „unfair“ ist, dass es jetzt mit dem Spielen aufhören und zum Essen kommen muss. Der Lexikoneintrag: Ohnmacht / Machtlosigkeit. Die Übersetzung: Kinder haben fast keine Kontrolle über ihren Zeitplan. „Das ist unfair“ ist der Schlachtruf eines Kindes, das sich fühlt, als hätte es in seiner eigenen Welt nichts zu sagen. Die Reaktion: „Es fühlt sich gerade richtig machtlos an, wenn du nicht selbst entscheiden darfst, wann Schluss ist. Das ist ein hartes Gefühl.“

3. Das „Geh weg!“-Kommando

Das Szenario: Du versuchst, dein Kind während eines Wutanfalls zu trösten, und es stößt dich weg oder schreit, du sollst gehen. Der Lexikoneintrag: Reizüberflutung / Überwältigt. Die Übersetzung: Das sensorische Fass ist übergelaufen. Dein Kind weist nicht dich ab; es versucht, den „Input“ für sein Gehirn zu reduzieren, weil es keine weitere Berührung und kein weiteres Wort mehr ertragen kann. Die Reaktion: „Ich höre, dass du gerade total überwältigt bist. Ich setze mich hier an die Tür, damit du deinen Platz hast, aber du bist nicht allein.“


Infographic 5 the Emotional Dictionary Cukibo

Teil 3: Das Lexikon nach Altersstufen aufbauen

Ein 2-Jähriger und eine 8-Jährige brauchen unterschiedliche Wörterbücher. So erweiterst du den Wortschatz Schritt für Schritt:

Kleinkindjahre (1–3 Jahre): Die Grundfarben

In dieser Phase halten wir es einfach. Wir lehren die „Grundfarben“ der Emotionen: Glücklich, Traurig, Wütend, Ängstlich.

  • Die Strategie: Sei die Erzählerin. „Dein Gesicht ist ganz rot und du stampfst. Du bist wütend.“

  • Das Ziel: Die körperliche Empfindung (geballte Fäuste) mit dem Etikett (wütend) verknüpfen.

Kindergartenjahre (4–6 Jahre): Die Schattierungen

Jetzt führen wir „Schattierungen“ ein. Statt nur „Wütend“ nutzen wir Wörter wie frustriert, grummelig, enttäuscht oder unbehaglich.

  • Die Strategie: Nutze ein „Gefühls-Thermometer“. Hilf ihnen zu verstehen, dass „genervt“ eine Stufe 1 ist, während „stinksauer“ eine Stufe 5 ist.

  • Das Ziel: Verstehen, dass Gefühle unterschiedliche Intensitäten haben.

Frühe Schuljahre (7–9 Jahre): Die Mischfarben

In diesem Alter merken Kinder, dass sie zwei gegensätzliche Dinge gleichzeitig fühlen können (Ambivalenz).

  • Die Strategie: Nutze das Wort „und“. „Du bist gerade nervös wegen der Klassenarbeit UND stolz, dass du so viel gelernt hast.“

  • Das Ziel: Komplexität als normal vermitteln. Das verhindert, dass Kinder sich „falsch“ fühlen, wenn Gefühle widersprüchlich sind.


Teil 4: Wie du das Lexikon im Alltag nutzt

Man baut ein Lexikon nicht durch Vorträge auf, sondern in den „Mikro-Momenten“ des deutschen Alltags – beim Warten an der Supermarktkasse, beim Abendbrot oder beim Zähneputzen.

  1. Sei ein Vorbild für „große Gefühle“: Deine Kinder beobachten dich. Verstecke deinen Stress nicht immer, sondern benenne ihn. „Mama ist gerade etwas gestresst/frizzelig, weil wir spät dran sind. Ich atme jetzt dreimal tief durch.“

  2. Validieren vor dem Reparieren: Wenn dein Kind weint, wollen wir oft sagen: „Ist ja schon gut, nicht weinen.“ Aber das sagt dem Kind: Dein Lexikoneintrag ist falsch. Sag lieber: „Du bist gerade echt geknickt, dass wir nicht auf den Spielplatz können. Das verstehe ich.“

  3. Bücher und Filme nutzen: Fragt beim Vorlesen: „Was glaubst du, wie fühlt sich die Figur gerade? Ist sie beschämt oder nur schüchtern?“


Teil 5: Der langfristige Gewinn (Resilienz)

Warum der ganze Aufwand? Weil Kinder mit einer hohen „emotionalen Granularität“ – also der Fähigkeit, präzise zwischen Gefühlen zu unterscheiden – langfristig stabiler sind. Studien zeigen:

  • Niedrigeres Stresslevel: Sie bleiben nicht so lange in negativen Stimmungen „stecken“.

  • Bessere soziale Kompetenz: Sie können die Gefühle ihrer Freunde besser lesen (Empathie).

  • Höhere Resilienz: Bei Herausforderungen sagen sie eher: „Ich bin gerade entmutigt“, statt „Ich bin ein Versager“.


Fazit: Werde zum emotionalen Anker deines Kindes

Beim Emotions-Lexikon geht es nicht darum, Kinder zu erziehen, die nie weinen oder nie wütend sind. Es geht darum, Kinder zu erziehen, die keine Angst vor ihren Tränen oder ihrer Wut haben.

Wenn dein Kind das nächste Mal ein „schwieriges Verhalten“ zeigt, atme tief durch. Bevor du schimpfst oder eine Konsequenz aussprichst, frage dich: „Welches Wort fehlt ihm gerade?“ Wenn du das Wort findest, findest du den Weg zurück zu deinem Kind. Du bändigst nicht nur einen Wutanfall; du baust ein Gehirn auf.